Natura2000 VSG Artensteckbrief: Purpurreiher



Steckbrief zur Art A029 der Vogelschutz-Richtlinie

Purpurreiher (Ardea purpurea)


Purpurreiher (Ardea purpurea)

Status und Häufigkeit:

Anhang I Gefährdeter Durchzügler Rote Liste D Rote Liste RLP Erhaltungszustand
x - R 1 s ungünstig/schlecht
Status RLP Bestand D Bestand RLP Bestandsentwicklung RLP
Regelmäßiger Brutvogel; verlässt das Brutgebiet im Winterhalbjahr; Durchzügler 40 – 50 Brutpaare 15 – 25 Brutpaare seit 20 Jahren trotz Schwankungen stabil; aktuell Rückgang aufgrund niedriger Wasserstände in der Rheinaue


Kennzeichen:


Länge 78 – 90 cm, Spannweite 120 – 150 cm. Dieser große, schlankhalsige Reiher ist ein typischer Bewohner großer Schilfflächen. Er hält sich viel mehr in Deckung auf als der Graureiher und ist schlanker als dieser, mit sehr langem, schlankem Hals, der sich ohne deutlichen Übergang in den schlanken Kopf verschmälert. Auch der längere, dünnere Schnabel fällt auf. Der Gesamteindruck der Färbung ist bräunlich, der purpurfarbene Anflug auf der Oberseite der Altvögel ist nur aus nächster Nähe zu erkennen. Altvögel sind bei guter Sicht leicht erkennbar an der kräftigen schwarz-rotbraunen Zeichnung von Kopf und Hals. Jungvögel sind weniger leicht bestimmbar, aber eine Verwechslung mit juvenilen Graureihern ist in der Regel unwahrscheinlich wegen der bei juvenilen Purpurreihern breiten gelbbraunen Ränder der Mantel- und Schulterfedern sowie Oberflügeldecken, wobei die Ränder mit den dunklen Federzentren kontrastieren. Auch die rein schwarze Streifung auf hell isabellfarbenem Untergrund am unteren Vorderhals und auf der Brust sowie die – im Vergleich mit dem Graureiher – Unterschiede in der Gestalt sind charakteristisch. Im Flug sind die Flügelflächen dunkel und recht einheitlich, es fehlt der auf dem Oberflügel des Graureihers bestehende starke Kontrast zwischen den helleren Flügeldecken und den dunklen Schwungfedern. Die Gestalt ist im Flug ähnlich der des Graureihers, für den Purpurreiher sind jedoch die stärker vorstehende und „eckigere“ Brust (hervorgerufen durch den eingezogenen Hals und selbst aus der Entfernung erkennbar), der schlankere Rumpf, der längere Schnabel, die längeren, auffälligeren Zehen und schmalere Flügel charakteristisch. Die gelbe Färbung von Schnabel und Zügel wird zu Beginn der Brutzeit intensiver. Flugruf ähnlich wie beim Graureiher, aber höher und weniger kräftig. Außerhalb der Brutkolonien weitgehend schweigsam.


Lebensraum:

Der Purpurreiher bewohnt zu allen Jahreszeiten ausgedehnte, überflutete Schilf- und Rohrdickichte und baut seine Nester vorzugsweise in den umgeknickten Halmen von reinem Altschilf, aber auch in Mischbeständen aus Schilf und anderer Ufervegetation (Erlen, Weiden). In Deutschland und Rheinland-Pfalz wird der Purpurreiher vor allem in den Niederungen der größeren Flüsse und Ströme beobachtet, in großflächigen störungsarmen und nahrungsreichen Altrheinen und ehemaligen Tongruben mit ausgedehntem Schilfröhricht. Seltener in höheren Lagen, sofern ausgedehnte Röhrichte und Uferbestände zu finden sind.


Biologie und Ökologie:

Die Nahrungssuche findet vorwiegend morgens und abends, in der Regel sehr versteckt, in der Röhricht- und Verlandungszone statt. Das Nahrungsgebiet umfasst i. d. R. mehrere benachbarte Gewässerkomplexe mit Verlandungsbereichen. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Fischen bis ca. 10 cm Größe, aber auch Insekten und deren Entwicklungsstadien, Amphibien, Reptilien, Kleinsäugern, Mollusken und Crustaceen. 

Laut Beobachtungen in Hessen besetzen die Reiher etwa zwischen dem 9.4. und 17.5. den Brutplatz, aber wegen der Unauffälligkeit dieser Art sind Aussagen über die tatsächliche Ankunft der Vögel, aber auch über deren Legebeginn und Brutverlauf kaum möglich. Die ersten Durchzügler erscheinen Ende März und Anfang April, in der zweiten Aprildekade ist ein starker Anstieg zu verzeichnen. Nach dem Minimum Mitte bis Ende Juni ist die Hauptwegzugzeit in Hessen im Juli, in Rheinland-Pfalz hingegen im August und September und läuft im Oktober aus. Hauptsächlich Langstreckenzieher, Abzugsrichtung SW-SSW. Winterquartier in Steppengebieten Afrikas, einzelne auch in Süd- und Südosteuropa. Ringfunde konzentrieren sich in der Sahelzone Westafrikas bis in die Feuchtsavanne.

Das Nest wird meist über Wasser auf umgebrochenen Pflanzen gebaut. Die meist intensiv grün gefärbten (2) 4 – 5 (8) Eier werden von Ende April bis Anfang Juli gelegt. Die Jungen schlüpfen nach einer Brutdauer von 25 – 30 Tagen, klettern nach 20 Tagen schon im Schilf umher und sind mit 45 – 50 Tagen flügge und 10 Tage später selbständig. Älteste Ringvögel belegen ein z. T. hohes Alter von maximal 25 Jahren.

Fluchtdistanz ähnlich Graureiher (d. h. 50 – 100 m).


Verbreitung in Rheinland-Pfalz:

Brutvogel in West- und Mitteleuropa, mit einer nördlichen Verbreitungsgrenze in den Niederlanden und Polen, ostwärts bis in die Ukraine, südwärts bis Israel und Irak. Unterarten in Afrika, den Kapverden (inzwischen oft als eigenständige Art betrachtet), Madagaskar und Südostasien. 

In Deutschland vereinzelte Brutplätze in Süddeutschland, wobei die Brutplätze am rheinland-pfälzischen Oberrhein (mit den sporadischen Ansiedlungen in Hessen) die nördlichsten Vorkommen darstellen. Der Purpurreiher lebt bei uns am Rande seines Areals. Die größten Brutvorkommen im Südwesten Deutschlands sind in der Wagbachniederung (Baden-Württemberg) und im NSG „Mechtersheimer Tongruben“, weitere Vorkommen finden sich u.a. bei Eich-Gimbsheim, Roxheim, Neupotz und Wörth.


Vorkommen in Vogelschutzgebieten:

6116-402 - Schilfgebiete zwischen Gimbsheim und Oppenheim inklusive Fischsee
6216-401 - Eich-Gimbsheimer Altrhein
6416-401 - Bobenheimer und Roxheimer Altrhein mit Silbersee
6716-401 - NSG Mechtersheimer Tongruben
6716-402 - Berghausener und Lingenfelder Altrhein mit Insel Flotzgrün
6716-403 - Rußheimer Altrhein
6815-401 - Neupotzer Altrhein
6816-404 - Sondernheimer Tongruben
6915-402 - Wörther Altrhein und Wörther Rheinhafen
7015-405 - Neuburger Altrheine


Gefährdungen:

Empfehlungen zum Schutz und zur Förderung der Art:

Literatur:

Bauer, H.-G. & P. Berthold (1996): Die Brutvögel Mitteleuropas – Bestand und Gefährdung. – Aula-Verlag, Wiesbaden.

Bay. Landesamt für Umweltschutz: Erhaltungsziele für die Arten der VS-RL: Purpurreiher – Ardea purpurea.

Beaman, M. & S. Madge (1998): Handbuch der Vogelbestimmung: Europa und Westpalaearktis. – Ulmer Verlag, Stuttgart. 

Bezzel, E. (1985): Kompendium der Vögel Mitteleuropas – Nonpasseriformes. – Aula-Verlag, Wiesbaden. 

Bezzel, E. (1995): BLV-Handbuch Vögel. – BLV, München.

Bosselmann, J. (2003): Die Vogelwelt in Rheinland-Pfalz – Seetaucher bis Enten. – Pflanzen und Tiere in Rheinland-Pfalz, Sonderheft VI. – Mayen.

Braun, M., Kunz, A. & L. Simon (1992): Rote Liste der in Rheinland-Pfalz gefährdeten Brutvogelarten (Stand 31.06.1992). – Fauna Flora Rheinland-Pfalz 6: 1065-1073.

Dietzen, C. & V. Schmidt (2002): Ornithologischer Sammelbericht 2001 für Rheinland-Pfalz. – Fauna Flora Rheinland-Pfalz, Beiheft 27.

Dietzen, E., Folz, H.-G. & E. Henß (2004): Ornithologischer Sammelbericht 2003 für Rheinland-Pfalz. – Fauna Flora Rheinland-Pfalz, Beiheft 32.

Dietzen, E., Folz, H.-G., Henß, E., Eislöffel, F., Jönck, F., Hof, M. & C. Hof (2003): Ornithologischer Sammelbericht 2002 für Rheinland-Pfalz. – Fauna Flora Rheinland-Pfalz, Beiheft 30.

Flade, M. (1994): Die Brutvogelgemeinschaften Mittel- und Norddeutschlands – Grundlagen für den Gebrauch vogelkundlicher Daten in der Landschaftsplanung. – IHW, Eching.

Höllgärtner, M. (2004): Bericht zur Erfassung von Purpurreiher (Ardea purpurea), Zwergdommel (Ixobrychus minutus) und Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus) in der Oberrheinebene von Rheinland-Pfalz 2002/2003. – Fauna Flora Rheinland-Pfalz, Beiheft 32: 265-274.

Kunz, A. & C. Dietzen (2002): Die Vögel in Rheinland-Pfalz – eine aktuelle Artenliste (Stand 01.12.2002). – Fauna Flora Rheinland-Pfalz, Beiheft 28: 207-221, Landau. 

Kunz, A. & L. Simon (1987): Die Vögel in Rheinland-Pfalz – Eine Übersicht. – Naturschutz und Ornithologie in Rheinland-Pfalz 4, 3: 353-657, Landau.

Rheinwald, G. (1993): Atlas der Verbreitung und Häufigkeit der Brutvögel Deutschlands – Kartierung um 1985. – Schriftenreihe des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten Nr. 12. – Rheinischer Landwirtschaftsverlag, Bonn.

Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland (2002): Artensteckbriefe zu den Zielarten der Vogelschutzrichtlinie. – Frankfurt/M.

Stübing, S. (2000): Purpurreiher – Ardea purpurea. – In: Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (Hrsg.) (1993-2000): Avifauna von Hessen. Eigenverlag, Echzell.

Svensson, L., Grant, P., Mullarney, K. & D. Zetterström (1999): Der neue Kosmos-Vogelführer. – Stuttgart.


Copyright LfU
Größenangaben zum Schutz der Arten sind keine strikten Grenzwerte,
sondern Empfehlungen aufgrund fachlicher Erfahrungen.